Jubiläumsrede 150 Jahre

Wittfried Malik:  Rede zum Jubiläum 150 Jahre Schröderstift in der Stiftskirche Agios Nikolaos am 24.10.2002

War das ein Traum?
Ich weiß noch, wie sie sich zu mir herunterbeugte, mir das Schröderstift in die Hand gab und sagte: „Und dieses hier, das ist etwas ganz besonderes, das ist von eurem Großvater, passt gut darauf auf“.

Schröderstift : Der Versuch, ein Baudenkmal der Stadt durch eine Initiative ihrer Bürger zu erhalten, gleichzeitig eine Nutzung der Gebäude in einem gemeinnützigen Sinne – entsprechend des Stiftungsgedanken – durch eine Kirchengemeinde und ein Wohnmodell.

Die wechselvolle Geschichte des Schröderstifts, die Entwicklung der Mieterselbstverwaltung, unsere heutigen Strukturen, die ehrenamtliche Arbeit, die Planungen für die Zukunft,das alles ergibt eine unendliche Materialfülle, die ein dickes Buch und einen zusätzlichen Bildband füllen könnte.

Ich möchte – anlässlich des heutigen Jubiläums – nur einige Aspekte herausgreifen, die insbesondere mit der Präsentation des Denkmals zu tun haben.

Doch zunächst die Standortbestimmung: „Zwischen Grindelallee und Schulterblatt“ – das Schröderstift in begnadeter Lage.

Im Spannungsfeld zwischen Rotherbaum und Schanzenviertel: die Lage des Schröderstifts ist einzigartig. Ob Alster oder Elbe, Abaton oder St.Pauli-Stadion, Bezirksamt oder 1000 Töpfe, Kammerspiele oder Schmidt-Theater, alles liegt im Nahbereich. Mit dem Fahrrad ein Katzensprung,  mit dem Auto hoffnungslos.

Hier Rotherbaum: So reich an Kultur und internationalen Beziehungen. Universität, Konsulate, Hotels, der Dammtorbahnhof  – sie geben dem Stadtteil sein weltoffenes Gesicht.

Dort das Schanzenviertel: Langsam kommt es weg vom Drogenimage: Das Einkaufsparadies der kleinen Läden, Szene, Kneipen, lebhaftes Wohnquartier.
Und das direkte Umfeld ist ein Traum: ob Bücherei, ob Augenarzt, Wochenmarkt oder     Badeanstalt, Polizeirevier oder Fotofachlabor: „eben mal schnell“ und schon sind Sie da.
Auch in die City kommt man im Nu. Theater, Kino, Hosenkauf: durch den botanischen Garten in die Innenstadt. Zum Alsterhaus geht man zu Fuß!
Für diese Lage könnte man Luxussteuer verlangen  –  das Finanzamt: gleich nebenan.
Die Verkehrsanbindung wird nur vom Hauptbahnhof übertroffen:  S-Bahn, zwei U-Bahnen, alle Busse  –  der Knotenpunkt Schlump direkt vor der Haustür.

Es gibt nur einen großen Nachteil an dieser Art des zentralen Wohnens:
Die Belastung durch den Kraftfahrzeugverkehr.

Ehrenhof und Sichtachsen

Das hätte sich Johann Heinrich Schröder nicht träumen lassen, dass aus dem Sandweg entlang der Sternschanze, der Verbindung zwischen Durchschnitt und Schäferkamp, eines fernen Tages eine sechsspurige Stadtautobahn werden würde. Die Menschen, die hier heute wohnen, erwünschen sich zumindest eine optische Abtrennung vom nie enden wollenden Verkehrsgetümmel. Bei allem, was es so liebenswert macht, akustisch hat das Schröderstift die Lebensqualität einer Autobahnraststätte.
Andererseits macht es gerade einen Teil seines Charmes aus, nämlich der Gegensatz zwischen dem modernen, nie abreißenden Verkehrsstrom vor der Hecke, und drinnen, dahinter, empfundene Ruhe, das historische Gemäuer, Blumen, Büsche und alter Baumbestand, Kinderwagen, Katzenkörbe und eine Kirche, ein sakraler Bau, dessen Stille wir gerade genießen.
Das Problem des Sicht- und Lärmschutzes für die Menschen, die hier wohnen,
steht im Gegensatz zu dem denkmalpflegerischen Ansatz, insbesondere den Ehrenhof der Anlage weitgehend grünfrei zu halten, um dem Außenstehenden die Wahrnehmung  der Dreiflügelanlage zu ermöglichen.
Das Schröderstift  braucht einen Schutzwall in Form der undurchdringbaren Weißdornhecke, diese Trennungslinie, diese Abgrenzung, damit die Menschen hier leben können, und –  um in seiner Einzigartigkeit zu wirken –  braucht es andererseits die Weite, die Großzügigkeit der Raumgestaltung.

Diese beiden sich widersprechenden Ansprüche erfordern den Kompromiss.

Die Hecke muss bleiben, da gibt es keine Diskussion. Und viele Bewohner wollen das Grün vor ihrem Fenster behalten  –  akzeptiert.
Aber  –  wir können Sichtachsen schaffen:  von den beiden Einfahrten aus muss die Sicht auf die Kirche und zumindest in Teilen  auf die Haupt- und Seitenflügel möglich sein. Die wildwuchernden Gehölzstreifen  im Eingangsbereich und kleinere Solitärbäume hinter der Hecke müssen dazu entnommen werden.
Dann haben die Bewohner vor dem Fenster weiterhin ihr Grün, die Allgemeinheit jedoch den Blick auf die Anlage. Das ist ein erster, wenn auch nur ein halber Schritt.
Denn auch auf dem Gelände ist der Blick blockiert.
Der zu dichte Bewuchs nimmt die Sicht über die Fläche, auf die anderen Flügel mit den zahlreichen Treppengiebeln und vor allem auf die Kuppel der Kirche.
Rom, Florenz und Konstantinopel: Wer hat denn schon die Gnade, direkt auf eine Kuppel zu schauen? Wir haben diesen Blick in den letzten Jahren einfach zuwachsen lassen. Wer einen Baum sehen möchte, der kann auch in Sasel wohnen.
Die architektonische Besonderheit, der Blickfang, der das Auge magisch anzieht, ist und bleibt die kupferne Kuppel mit ihrer aufgesetzten Laterne.
Ebenso entsprechen die Vorgärten in ihrer teilweise eher schrebergartenähnlichen Gestaltung nicht dem Anspruch eines Denkmals:
– billiges weißes Plastikgestühl vor altehrwürdigem Gemäuer ,
– kleinliche Abgrenzung  der privaten Gärten durch Hecken,
sie widersprechen der Großzügigkeit dieser Anlage.
Aber auch hier beginnt ein allmähliches Umdenken.

Wir wollen grüne Insel sein – nicht grüne Hölle !

Besucher und Lateinkenntnisse.

„Ich bin hier schon so oft vorbeigekommen und wollte immer mal gucken, was das eigentlich ist“!
Besucher, die hauptsächlich am Wochenende das Gelände durchqueren, kommen an den Seitenflügeln entlang bis in die Mitte auf den Kirchenvorplatz, bleiben stehen, Radfahrer steigen ab, halten inne, verweilen, lesen die Inschrift auf der Marmortafel:
„EMOLUMENTO PUBLICO – hic hospitium exstruxit J.H.Schröder – MDCCCLII“.

Mancher grübelt, Lateinkenntnisse werden bemüht. Es ist zwar nicht so schwer wie die Inschrift am Rathaus, die sich, wenn überhaupt, nur dem Großen Latinum erschließt, aber doch hapert es wie damals in der Schule an den fehlenden Vokabeln:
„EMO-LU-MEN-TO?, hm, so Monument?, irgendwas Bedeutendes?, PUBLICO, öffentlich, hic hospitium exstruxit, dieses, hospitium, Herberge, gastliches Haus, er hat erbaut, J.H.Schröder, MDCCC, 1000,1500, 1800, L = 50 , und der Doppelstrich, die Zwei : 1852.
Emolumentum heißt Nutzen, Emolumento Publico, dem Öffentlichen Nutzen,
oder auch schöner als Motto der Patriotischen Gesellschaft, Dem Wohl der Allgemeinheit.
Dann wendet der Besucher der Kirche den Rücken zu und betrachtet das Stiftsgelände.
Ziegelflächen und Treppengiebel hinter Büschen und Hecken. Er spürt die Faszination des Uralten, Erhaltenes aus einer längst vergangenen Zeit verbunden mit einer jungen, bunten, einer modernen Nutzung.
Es ist nicht wie übliche Altenstifte – keine Gehwagen im Treppenhaus, kein kurzgestutzter Rasen, kein Hausmeister in Sandalen. Eine offensichtliche Wohnnutzung, die Verhältnisse eher einfach, im Grunde normal, wie anderswo auch.
Ja, es ist ein lebendiges Denkmal, ein bewohntes Denkmal, die Mitte des Lebens:
Wäscheständer vor den Türen, Jungen, die mit den Fahrrädern um die Wette brausen, Mütter, die zum Essen rufen.
Auch in der Kirche hier das ganze breite Band des Lebens, Taufen, Hochzeiten, die vielen großen Feste.
Das Schröderstift ist kein Hochglanz-Baudenkmal mit zweimal täglich mehrsprachiger Führung, es lockt nur den Interessierten, es ist alt, es hat Ruhe, ist einfach da, war schon immer da.
Der Besucher findet sie schön, diese grüne Oase inmitten der Stadt, streift um das alte Gemäuer, braucht Zeit für die Orientierung, die Wege durch die Torbögen und geht schließlich positiv gestimmt von dannen.
Das Schröderstift darf ein Denkmal bleiben, dem man seine wechselvolle Geschichte ansieht.
Wir möchten die Symmetrie der Flügel wiederherstellen, wenngleich die Kriegsschäden in Details erkennbar bleiben dürfen.
Wir wollen die Geschichte nicht leugnen, die Narben sichtbar lassen, denn das ist ein Stück Ehrlichkeit gegenüber unseren Eltern und Großeltern  und Teil des Charmes, den diese Anlage ausstrahlt.
Wir wollen weg von der Anmutung des Kaputten“, hin zu einer schlichten „Anmutung des Erhaltenen“.
Diese Betrachtungsweise eines Baudenkmals erlaubt den Blick zurück in eine vergangene Zeit, lässt aber für künftige Vorstellungen alle Möglichkeiten offen.

Die Dächer und die Symmetrie.

Die lange Jahre intern geführte Diskussion über die Art und Weise der Behebung der Kriegsschäden an den beiden Dächern auf dem östlichen Haupt- und Seitenflügel ist inzwischen abgeschlossen.
Wiederherstellung in ihrer originalen, einfachen Form?
Oder lieber der moderne Aufbau von Dachgeschossen in Glas und Stahl im Stil der aktuellen Investorenarchitektur oder – ebenso beliebt –  in Lärchenholz mit Grün- bzw. Solardach?
Der Hauptgrund, sich gegen diese Ansätze zu entscheiden, war die dadurch zwingende Zerstörung der Symmetrie. Die Grundidee dieser Gebäudeform ist die Idee der Symmetrie.
Der Stifter und sein Architekt bauten eine Dreiflügelanlage mit Ehrenhof, sie setzten in das Zentrum die Kapelle als vertikale Symmetrieachse.
Mir will nicht einleuchten, dass man ausgerechnet in das älteste erhaltene Gebäude westlich vor dem Dammthore, anstatt es einfach nur wiederherzustellen und die Kriegsschäden zu beseitigen, gestalterisch eingreifen möchte und ihm seine Ursprünglichkeit nehmen.
Die Dreiflügelanlage ist eine in Hamburg recht spärlich anzutreffende Bauform.
Wir wollen sie erhalten, bzw. wiederherstellen.
Teil Eins der Aufgabe haben wir bewerkstelligt: Der rechte Hauptflügel  hier neben der Kirche ist bereits fertig. Aber noch immer zeigt das Schröderstift durch das fehlende Dach auf dem Seitenflügel – wie ein Gesicht mit Augenklappe – die Beschädigung vormals gleicher Glieder.
Die Wiederherstellung dieses Daches wird zur Zeit angespart und 2004/2005 erfolgen.
Da schlagen wir zwei Fliegen mit einem Dach, denn die Dächer in ihrer originalen Form aufzubauen, stellt nicht nur die Symmetrie dieser Anlage wieder her, sondern ist zugleich die kostengünstigste Variante.
Dann sind wir, symbolisch  betrachtet, gerade noch Vorletzter bei der Beseitigung von  Kriegsschäden prominenter Baudenkmäler, denn die Fertigstellung der Dresdner Frauenkirche ist für 2006 geplant.

Nicht Traum, Realität!

Wir leben in einer Zeit mit sehr unterschiedlichen Wohn- und Lebenswünschen, einer Pluralisierung der Lebensformen und  –stile. Immer größer wird die Gruppe der Singles oder derer, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben,
Für diese neuen Bedürfnisse bietet das nunmehr 150 Jahre alte Schröderstift mit seinen um die 35 Quadratmeter großen Wohneinheiten  eine sehr moderne Möglichkeit des jungen innerstädtischen Wohnens.
Hier, in einer Selbstverwaltung zu leben, bietet Freiräume, bietet Gestaltungsmöglichkeiten, ein dichteres soziales Netz, bietet mehr Hilfe bei Krisen, verstärkt Integrationsmöglichkeiten bedeutet aber auch mehr Nähe, die manchem zu viel werden kann.
Sie funktioniert, die Selbstverwaltung, sie ist lebendig, sie ist reformfähig, kann ihre Aufgaben  bewältigen.
Institutionen dieser Größenordnung werden normalerweise von Vorständen oder Geschäftsführern professionell geführt.
Hier werden ähnliche Leistungen erbracht – aber nach Feierabend, ehrenamtlich, unentgeltlich, von motivierten Menschen, die in ihrer Freizeit Dinge erledigen, für die andere ausgebildet und bezahlt werden, eine angemessene Ausstattung erhalten und ihren Arbeitstag lang Zeit haben.
Neben unseren jährlich wechselnden Vorständen – jeder soll mal drankommen und die Unerschöpflichkeit ständig neuer Problemstellungen kennen lernen  – ist es hauptsächlich die Initiative Einzelner oder kleiner Gruppen, die diese Selbstverwaltung möglich machen.
Menschen, die es als selbstverständlich erachten, für Andere da zu sein, sich zu engagieren, auch freudlose, stets wiederkehrende Tätigkeiten zum Wohl der Allgemeinheit auszuüben.

Wir haben keine einfache Verpflichtung übernommen, nämlich einerseits Wiederherstellung und Erhalt der historischen Anlage  –  das Äußere,
dann Instandsetzung und Modernisierung  der Wohnungen  mit Zentralheizanlagen, Austausch der Bleileitungen Vorgabe 2003, Einbau Wohnungswasserzähler Vorgabe 2004, Warmwasseranlage, Fensteraustausch, Fußleisten, Klingelanlage usw.usf.    –  das Innere,
Pflege des alten Baumbestandes, Gestaltung der Außenanlage  –  das Drumherum,
andererseits aber als Vorgabe die soziale Verpflichtung, das Gebot, sozial Schwache aufzunehmen und die Mieten klein zu halten. Ich denk mal, wir schaffen das. Wir haben ja 22 Jahre Erfahrung.

Dann war es kein Traum:  Dass sie sich zu mir herunterbeugte, mir das Schröderstift in die Hand gab und sagte:
„Und dieses hier, das hier ist etwas ganz besonderes, das ist von eurem Großvater, passt gut darauf auf.“
Ich weiß noch, dass ich ihr antwortete: „Ist in Ordnung. Machen wir“.

Ich bedanke mich beim Stifter und seiner Familie,
ich bedanke mich bei Bezirk und Senat in Vertretung der Bürger dieser Stadt, die es uns ermöglichen, dieses Wohnmodell zu leben, ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Interesse.

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